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Revisiting The Visitors
Andreas Hirsch im Gespräch mit Echo Ho
Ho: Wie hat das denn eigentlich noch mal angefangen mit
den Empfehlungsschreiben?
Hirsch: Wir waren in einem Kaufhaus in Xining und haben
Hefte und Stifte für die Kinder gekauft. Und ich habe
diese Formulare entdeckt und dachte: „Oh, schönes
Papier!“
Ho: Aber das findest auch nur du, dass das schönes
Papier ist!
Hirsch: Du nicht? Schau doch mal!
(Lachen)
Ho: Doch, für mich ist das ja auch interessant. Weil
ich mir nicht sicher bin, ob das in China immer noch verwendet
wird. Ich glaube schon, denn sonst würden sie das ja
nicht verkaufen. Aber in Peking z.B. wirst du das nicht
mehr finden.
Hirsch: Stimmt, du hast gesagt, das sei eine Sache, die
es wahrscheinlich nur noch in der Provinz gibt.
Ho: Ja, denn da ist es mit der Entwicklung noch nicht so
weit wie in den Metropolen. Aber früher war das tatsächlich
überall so, da kamst du ohne einen Empfehlungsbrief
nirgends durch.
Hirsch: In welchen Situationen denn?
Ho: Ein Freund von mir z.B., der Schriftsteller Ma Jian,
der war lange mit so einem Brief unterwegs und hat Leute
auf dem Land besucht. Ohne diesen Brief - ich glaube von
einer Zeitschrift, für die er gearbeitet hat - wäre
er gar nicht bei den Leuten untergekommen. Und er hätte
ihnen nicht einfach so Fragen stellen können. Also,
so ein Brief ist schon ziemlich praktisch.
Hirsch: Aber meinst du, das war wirklich so ein Formular?
Ho: Ja. Das heißt auf Chinesisch „Dan Wei“.
Das bezeichnet deinen Arbeitsplatz, sagen wir mal eine Firma,
aber damals hieß das anders, denn das war ja noch
im Kommunismus. Und die füllen dieses Formular für
dich aus. Einen Abschnitt nimmst du mit, und den anderen
reißen sie ab und behalten ihn. Das hier heißt
„Titel“. Und hier kommt dein Name hin. Und da
steht Genosse. Also z.B. Genosse Hirsch. Und hier der Arbeitgeber,
etwas Öffentliches, wie sagt man das?
Hirsch: Eine Institution?
Ho: Ja, das kann man so sagen. Wenn du in ein Dorf gehst
und die Leute dort sehen, aha, der kommt von der Regierung,
dann bist du legal. Du hast das Recht, da hinzugehen. Du
bist eine legitimierte persönliche Vorstellung.
Hirsch: Wo steht denn da „Institution“, oder
wo kommt die hin?
Ho: Hier, in dieses Feld.
Hirsch: Und hier...
Ho: „Introduce... stellt vor“. Und das ist eine
Höflichkeitsform. „Zi Jie Shao“.
Hirsch: „Zi Jie Shao...“ und was heißt
das da?
Ho: Aber das hab‘ ich dir doch alles schon einmal
übersetzt!
Hirsch: Ja, aber ich kann die Übersetzungen nicht finden.
Ho: „Geht zu euch“ steht da. Also, die Institution
schlägt vor, dass du da hingehst. Wörtlich „zu
deinem Ort“. Und hier: „Bitte um Hilfe“.
Also, wenn die Person ein Problem oder eine Frage hat, dass
ihr dann geholfen wird. „Bitte um Kooperation“
heißt es eigentlich.
Hirsch: Und das hier?
Ho: „Jing Li“. Beim Militär sagt man das.
Das gibt‘s hier wahrscheinlich auch. Aber das heißt
auch so was wie „Mit freundlichen Grüßen“.
Aber eben auf eine kommunistische Art. Das Ganze hier ist
ja eine kommunistische Geschichte. Also, hier in Deutschland
würde das nicht funktionieren.
Hirsch: Na ja, auf eine andere Art schon. Das System gibt
es bei uns ja auch. Wenn du ein Empfehlungsschreiben hast,
bedeutet das zwar nicht, dass der andere kooperieren muss,
aber eventuell wirkt es sich positiv aus. Aber entschuldige,
ich muss noch mal fragen: Was heißt denn dieses Zeichen
da jetzt genau?
Ho: Zeichen.
(Lachen)
Hirsch: Zeichen!?
Ho: Das heißt „Zeichen“. Aber schriftlich.
Schriftzeichen.
Hirsch: Mmmh...
Ho: Und hier ist noch was. Wie viele Tage der Brief gültig
ist. Und hier kommt das Ausstellungsdatum hin.
Hirsch: Und es gibt gar kein Feld für die Telefonnummer?
Ho: Die werden schon anrufen!
(Lachen)
Ho: Wenn du z.B. sagst, dass du von der China Daily bist...
ah, aber es fehlt ja noch der Stempel! Der ist sehr wichtig!
Der kommt hier drauf. Ohne den Stempel ist es gar nicht
gültig. Damit bekommst du quasi eine Art Macht mit
auf den Weg. Du wirst von den Leuten empfangen, du bekommst
eine Unterkunft. Und alles, was du tust, tust du im Auftrag.
Die Leute müssen das dann so akzeptieren.
Hirsch: Sonst gibt es Ärger...
Ho: Ja, das ist schon anders als bei einem normalen Empfehlungsbrief.
Da steckt eine Bevormundung drin: Hier bin ich, jetzt also
bitte kooperieren, ohne Diskussion. Aber warum hast du das
denn eigentlich als Zeichenpapier genommen?
Hirsch: Erst einmal finde ich es graphisch schön, und
dann finde ich den Kontext interessant und auch komisch
- diese Idee der Macht, die darin steckt. Das Institutionelle
und Bürokratische, und das dann zu unterlaufen, auch
wenn das auf einer imaginären Ebene passiert. Also,
ich bin ja nicht hingegangen und habe irgendwelche Aktionen
damit gestartet, wie z.B. Leute damit loszuschicken oder
die Empfehlungsschreiben selbst zu verschicken.
Ho: Aber die verschickt man ja nicht! Die nimmt man immer
mit! Die sind wie dein Ausweis, eine temporäre Identität.
Dieses Papier bestimmt eine Zeit lang, wer du bist und was
du tust. Der Schriftsteller Ma Jing, der hatte tatsächlich
ein echtes Empfehlungsschreiben, aber es gab auch Fälschungen
und kriminelle Geschichten damit. Anfang der 90er wurde
viel davon gesprochen, und in der Zeitung konnte man das
lesen. Wie fängst du denn eigentlich mit dem Zeichnen
an?
Hirsch: Teilweise hangelt sich das an den Schriftzeichen
entlang. Z.B. bei dem "Parkplatz" oder dem "Autokino",
da tauchen Schilder bzw. Leinwände auf, und darauf
steht dann eben „Genosse“ und „Bitte um
Kooperation“ oder die anderen Dinge, die du vorhin
übersetzt hast. Dann gibt es die Zeichnung mit der
Kopie des Zeichens, das „Nummer“ bedeutet, das
sieht ein bisschen wie eine Flagge aus. Und einige haben
damit zu tun, was mir selbst wichtig ist, wozu ich selbst
eine Verbindung habe, ganz ohne Ironie, und das sind dann
Dinge, die ich quasi empfehle. Die Welle zum Beispiel. Bei
einigen spielt Klang oder Musik eine Rolle, da tauchen dann
Verstärker auf. Die allererste Zeichnung, die ich noch
in Peking gemacht habe, auf der sind meine Gitarre und die
orangene Schirmmütze zu sehen. Es sind eigentlich naive
Vorschläge.
Ho: Wenn du mir diese Zeichnungen jetzt zeigst, und ich
kenne diese chinesischen Formulare und ihre Bedeutung gar
nicht, dann entstehen natürlich andere Assoziationen.
Hast du sie schon mal gezeigt? Und wie war das Feedback?
Hirsch: Ich hab sie einmal in Marseille ausgestellt, aber
da weiß ich nicht so viel über das Feedback,
denn da hingen sie dann an der Wand und ich war wieder weg.
Aber das ist eigentlich immer eine Sache, die ich versuche
mitzuteilen. Dass ich den Hintergrund ein wenig transparent
mache, entweder über den Titel oder manchmal auch über
einen kurzen Text. Aber für viele bleibt es wahrscheinlich
erst einmal eine graphische Sache. Trotzdem finde ich es
wichtig, was für ein Antrieb hinter einer Sache steht
oder wie eine Idee zustande kommt.
Ho: Ich überlege, was ein Chinese denken würde.
Bei Zeichnungen denkt man ja erst mal an eine Zeichnung
auf weißem Papier. Wenn du schon eine Vorlage hast,
dann ist das fast so wie bei Kindern, die in der Schule
sitzen und auf ihre Bücher malen, auf etwas, das nicht
dafür gedacht ist. Da gibt es eine Zweckentfremdung.
Für mich ist es interessant, wer sich das anguckt und
was dabei weiter passiert. Wahrscheinlich wäre es Chinesen
klar. Die Zweckentfremdung wäre deutlich. Für
die Leute hier ist es im ersten Moment wahrscheinlich so
wie für dich, bevor ich dir erklärt habe, was
es damit auf sich hat.
Hirsch: Wenn man den Titel liest, dann liest man da „Empfehlungsschreiben“
und eine Nummer. Diese riesigen Zahlen gefallen mir. Man
kann sich fragen, welche Nummer man denn jetzt selbst ist,
und das ist vielleicht auch interessant im Zusammenhang
mit Kommunismus oder anderen Arten von Massenabfertigung,
denen man etwas Persönliches entgegenzusetzen versucht.
Die Titel gehen dann weiter mit „Rails ’n’
Roll“ oder ähnlichem. Da hat man schon die Möglichkeit
anzudocken oder einzusteigen, denke ich. Aber da waren gerade
zwei interessante Sachen, die du erwähnt hast. Einmal
die Zweckentfremdung, die ist interessant... die ist sowieso
interessant für die Kunst.
Ho: Ja, die gibt es oft in der Kunstgeschichte...
(Lachen)
Hirsch: ... und dann dieses Phänomen, dass man auf
etwas anderem malt, z.B. auf Büchern. Ich finde es
einfacher, etwas zu zeichnen, wenn schon etwas da ist. Weißes
Papier ist viel schwieriger. Deshalb mache ich oft Kopien
von Zeichnungen, zeichne wieder drüber und so weiter,
dann kann ich mich auf etwas beziehen. Das ist bei den gefundenen
Negativen vielleicht auch so.
Ho: Ist das eine Zweckentfremdung? Nein, oder?
(Lachen)
Hirsch: Das ist die Frage...
Ho: Eigentlich ja nicht, denn die Negative sind ja dafür
gemacht, dass man sie vergrößert. Aber eine Verschiebung
des Ortes und des Kontextes gibt es halt. Ich überlege,
warum nicht ein chinesischer Künstler mit diesen Formularen
und mit den zurückgelassenen Negativen arbeitet, sondern
du als Fremder diese Dinge aufgreifst, obwohl es einen historischen
Hintergrund gibt, den du gar nicht so gut kennst. Ich meine,
die Sachen haben ja mit dieser Zeit des Umbruchs in China
zu tun. Bei den Empfehlungsschreiben ist es der Kommunismus.
Und bei Mr. Double Double der organisierte Tourismus und
die freie Ökonomie, die seit den 80er Jahren stärker
geworden sind. Da haben sich die Leute eine Attraktion für
die Touristen ausgedacht. Sie zahlen einfach 5 Yuan, und
eine Stunde später bekommen sie ein Foto, und das hängen
sie an die Wand. Das Negativ brauchen sie gar nicht mehr,
und der Fotograf auch nicht. Den Augenblick einfangen, das
Geld kassieren und die Überbleibsel wegschmeißen.
Und vielleicht einen Monat später kommen wir dort zufällig
vorbei, kein Mensch ist mehr da, und du nimmst das alles
mit. Die Rolle, die du dabei spielst... Für einen Chinesen
gäbe es da einen reichen Kontext.
Hirsch: Du meinst, ein chinesischer Künstler könnte
der Sache mehr Sinn verleihen?
Ho: Ja, wenn an deiner Stelle ein chinesischer Künstler
wäre, gäbe es sehr viel zu erzählen. Aber
das Interessante ist, dass du darauf gestoßen bist
und dass du auf deine Art einen Zugang dazu gefunden hast.
Und das ist als Anregung für mich interssant, auch
bei "Mr. Double Double". Denn es gibt viele Geschichten
hinter dem, was diese Negative bedeuten. Wenn ein chinesischer
Künstler diese Arbeit gemacht hätte, und wenn
man die Fotografien im Kunstkontext beschreiben würde,
dann käme dieser ganze his-torische Zusammenhang zum
Vorschein, und der Umbruch in China würde da hinein
projiziert werden.
Hirsch: Gut möglich. Das kann ich wohl nicht leisten.
Ho: Deswegen komme ich immer auf diesen Punkt der Identität
zurück. Du als Fremder an diesem Ort. Für dich
ist es eigentlich eine Entdeckung. Wie bist du denn eigentlich
auf die Idee gekommen, die Negative als Kunst weiterzubenutzen?
Ist das Found Footage? In der westlichen Kunst gibt es das
ja oft...
Hirsch: Nachdem ich sie mitgenommen habe, lagen sie eine
ganze Zeit lang erst einmal bei mir rum. Erst als ich sie
dann gescannt habe, wusste ich: Das ist interessant. Ich
fand sie so seltsam, dass ich dachte: Die muss man hier
zeigen!
Ho: Was war für dich daran interessant?
Hirsch: Diese Auflösungserscheinungen, die Verdopplungen
und Verdreifachungen, alles auf dem gleichen Negativ. Dann
die Tatsache, dass ich selbst dort gewesen bin an diesem
Strand, der auf den Fotos zu sehen ist und wo auch die Negative
lagen. Dass diese einen Zweck hatten, nämlich, dass
diejenigen Leute die Abzüge kaufen, die da zu sehen
sind. Und die Verbindung zu den Bergbildern aus dem Jahr
davor gefällt mir. Ich habe gedacht, jetzt war ich
einmal nicht in China und habe trotzdem Bilder gemacht,
so eine Art Gegenbilder. Und 2002 war ich dann doch da und
habe auch eine ganze Menge fotografiert, aber nichts von
alledem ist so seltsam und so komisch verschoben wie das,
was da am Strand herumlag.
Ho: Aber Doppelbelichtungen gibt es ja hier in der Kunst
auch viele.
Hirsch: Ja, es gibt diese Lumos, aber da wird glaube ich
immer direkt ein ganzes Negativ belichtet, zwar in vier
Teilen, aber es bleibt keine Zeit zwischen dem Belichten
der verschiedenen Bereiche, oder halt nur ein Sekundenbruchteil.
Zumindest nicht so viel, dass man in der gleichen Art damit
umgehen kann, wie es bei Mr. Double Double zu sehen ist.
Irgendwie muss es da eine Vorrichtung gegeben haben, die
immer einen Teil des Negativs abgedeckt hat während
der Belichtung. Du hast solche Fotos doch früher schon
mal gesehen, oder?
Ho: Ja, das ist schon ewig her. Wie gesagt, für die
Chinesen hat das eine lange Geschichte. Das ist mit dem
Tourismus gekommen. Und es ist ja wirklich eine geniale
Verkaufsidee, da bist du nicht nur einmal drauf, sondern
gleich zweimal. Deswegen ist es extrem attraktiv für
die Leute. Nur einmal drauf zu sein wäre ihnen ein
bisschen wenig. Und dir ja auch.
Hirsch: Wie meinst du das?
Ho: Die Faszination der Verdopplung. Wenn du während
der Reise einfach Negative gefunden hättest, mit nur
einem Chinesen darauf vor einer Landschaft und mit einigen
„Zeitspuren“, dann wäre es nicht so interessant
für die Betrachter und für dich auch nicht. Der
Trick mit der Doppelbelichtung hat also gleich zweimal funktioniert!
Köln, Restaurant Lakshmi, Januar 2008
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